Im fünfzehnten Jahr steht die Herrschaft des Kaisers Tiberius, ein Pontius Pilatus ist Landpfleger in Judäa, ein Herodes ein König in Galiläa sein Bruder ist Vierfürst in - und von der Landschaft da - und einen Fürsten gibt es zu Abilene, und auf Hohen Stühlen sitzen Hannas und Kaiphas als ‚Hohe Priester’. Und überall und über allen sitzt immer ein Jemand, die Länder sind voll davon.
Der Weg ist gegangen bis hierher. Er steht still, das Schweigen eines langen Weges in sich. Er hebt den Kopf und sieht die Namen und Gewalten, die über dem ganzen Land liegen. Er sieht den Schatten des Todes. Alle werden begreifen müssen, was sie sehen müssen, zu dieser Zeit, die noch ihre ist.
Ein ganzes Volk denkt in seinem Herzen. Das Volk sieht die Bilder seines Herzens. Das Denken im Herzen wartet, daß laut ausgesprochen wird: <Ja, Juda, du bist’s! Dich werden deine Brüder preisen, vor dir werden deines Vaters Söhne sich neigen.>
Die Ströme der Gedanken, Gefühle und heimlichen Worte gehen vorbei an dem, was die Häupter des Volkes denken und planen. Das wollen die Vielen, schreien!: <Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!> Die Herzen denken dabei an die Vielen, die im Werden der Geschichte Opfer gewesen sind.
Andere wieder konnten dadurch ihr Leben erhalten. Aber es gibt das Zerreißen des Zusammenhangs, wo es nur noch ein ‚Davor’ und ein ‚Danach’ gibt. Noch einmal soll der Baum des Volkes, wird der Kreis des Volkes blühen und - endlich - Frucht tragen, mächtig sein in seiner Kraft.
Niemand sieht, daß die dünnen Zweige an der Krone des Baumes zittern, niemand will den Schall der Schläge hören, die noch in der Stille dröhnen. Das Eisen hat gebissen, der Baum aber steht noch. Sein Blick gilt den stillen Männern, die am Fuße des Baumes stehen, in die hohe Krone über ihnen blicken und warten. Sie warten darauf, daß der Baum sich langsam neigt und fällt und stürzt. Diese Männer brauchen nichts mehr zu tun. Sie haben das Ihrige getan, sie können warten, die Hand am Stamm, an der warmen gefurchten Rinde. Die Hand fühlt tief innen das Reißen und den Kampf des Baumes um seinen Stand auf Erden.
Auch in der Seele des Volkes ist das entsetzliche Stöhnen, weil seine Geschichte einem Ende entgegengeht.
Er schöpft aus dem fließenden Wasser, über das ihre Vorfahren gekommen waren, aus den Wegen der Wüste eingekehrt waren. Er läßt das Wasser über die durstenden Menschenleiber rinnen, er führt sie an das Wasser, damit es antworten soll aus ihnen. Aber ihnen die Kraft zu geben, die ihn antrieb und ihnen die Furcht zu nehmen, die ihnen das Herz schwer macht, dazu wird es nicht reichen.
Von Gott hatte es gegolten: <Ich schwieg eine Zeitlang! Nun aber will ich schreien, wie eine Gebärende will ich schreien! Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen!>
Aber als dann einer kam, der davon mitzuteilen fähig war, galt nur noch: <Er schoß auf vor ihnen wie ein Reis, er hatte keine Gestalt noch Hoheit!> Man hatte mit Furcht nach ihm geblickt und die Wunden an ihm gesehen, die nur Gott geschlagen haben konnte. Worte blieben und spürbar blieb ihre Wirklichkeit. Aber die Erwartung, daß sich der Himmel auftun soll und es aus dem Himmel mit Strömen der Liebe regnet und daß der <Geist auf alles Fleisch kommen> soll, ringt mit den Zweifeln.
Sie sollen ja nicht gebaut haben, was andere dann bewohnen, nicht gepflanzt haben, was andere ernten werden, (Jes 65,22), nicht leben, damit andere die Frucht ihres Daseins verzehren. Aber die Augen sind roh und ihre Herzen nicht vorbereitet.
Die hergebrachten Worte spricht er in die Aufmerksamkeit, die sie ihm zuwenden: <... und das Licht Israels wird ein Feuer sein und sein Heiliger wird eine Flamme sein!> (Jes 10) <Machet seine Steige richtig, ebnet die Wege, denn: Alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen! >
Gott selber hatte glauben wollen: ‚Sie sind ja mein Volk, Söhne, die nicht falsch sind!’ Von allen wird das Antworten erwartet: <Du bist unser Vater, unser Erlöser, das ist von alters her dein Name!> (Jes 63,8f)
Sie hatten Anteil an der Kraft, die ihrer Erde das Lebendige brachte. Sie hielten fest an den Geboten und Ordnungen der Väter, die den Erhalt ihres Lebens sicherten und erhielten.
Wer seine Abstammung kannte, war sicher, woher er kam und war gewiss, wohin er ging.
Es kommt die Zeit, wo die Geltung der Vaternamen schwindet. Schon dringen die Namen andrer Väter in ihr Leben ein. Sie werden rufen müssen, wie Kinder nach dem Vater rufen. Sie werden rufen, wenn andere Mächte und Gewalten nach der Erde greifen, die sie bisher sicher getragen hatte. Johannes spricht: <Nehmt euch nicht vor zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Vater!’ Er ruft. <Gott kann Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken!>
Sie merken nicht, wovon er redet. Alle haben einen Vater und haben dann noch Abraham zum Vater und sind alle sicher verwurzelt: aber sie kommen heraus zu ihm und lassen sich taufen. Sie wollen sein Reden, damit sie sicher wohnen können. Aber er sieht hinter ihnen das Gleiten der Schlangen und hört ihr Zischen, das sie der Bedrohung ihres Lebenskreises entgegenschicken. <Ihr - Otterngezüchte! Wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet?>
In vergangenen Zeiten sprach es: <Eure Hände sind mit Blut befleckt und eure Lippen reden Falsches, eure Zunge spricht Bosheit. Man vertraut auf Nichtiges und redet Trug; mit Unheil sind sie schwanger und gebären Verderben. Sie brüten Nattereier. Ißt man von ihren Eiern, so muß man sterben, zertritt man sie aber, so fährt eine Schlange heraus!>
Ein hartes Urteil liegt über allem Tun: <Ihre Werke sind Unheilswerke. Ihre Gedanken sind Unheilsgedanken, auf ihren Wegen wohnt Verderben und Schaden. Sie kennen den Weg des Friedens nicht!> (Jes 59) ‚Schlangenbrut!’ hat er sie genannt, die zum ihm kamen.
So sieht er sie, als einen Haufen kriechenden Gewürms, in diesem schönen Land. Er sieht ihre Körper auftauchen aus dem strömenden Wasser in die Luft, in ihr Leben; ein kleines Leben in einem begrenzten Raum, Körper, umgeben von einem unendlich Weiten.
Seit ihrem Anfang in der frühen Zeit wussten sie immer, was das war, das ‚Erkennen’. Und sie konnten sich schämen. Weiter werden sie in ihren Orten wie Schlangenbrut übereinander und durcheinander kriechen.
Aber unten am Fluss entsteht wieder eine Ordnung, wo jeder des andren achten kann und darauf sieht, daß sein Gedenken ehrlich ist und das Denken seines Herzens wahrhaftig. Wo Johannes gelebt hatte, war der Andere schnell ein Feind und der Tod. Aber der Andere war auch ein Mensch und konnte dem andren ein Mensch sein. Und als Wandernder hatte er die Bedeutung der Regel erfahren: <Brich dem Hungrigen dein Brot und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus. Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht seinem Fleisch und Blut. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: ‚Sieh hier, hier hin ich!’> (Jes 58)
Immer wieder: ‚Wenn - und dann’! Und wenn -! Wer wird denn sagen: ‚Hier bin ich!’ Die, die das Brot haben, werden nicht sagen: ‚Hier bin ich!’ Es wird immer geben, mit denen das Brot geteilt werden muss. Oder die Vielen, die man ins Haus holen soll. Oder einer ist nackt und niemand ist da, der sagt: ‚Hier bin ich!’ Um sein eignes Fleisch und Blut muss sich kümmern, wem schon das Eigene Sorgen macht.
Doch in der Zeit, die kommt, werden Viele auf dem Wege, den sie und ihre Kinder zu gehen haben, bloß sein und kein Brot haben und im Elend sein, und das Teilen eines Brotes wird als Gerechtigkeit gerechnet.
Wer dann <zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat, und wer Speise hat, tue auch also!> Es kommt die Zeit, wo einer nur noch zwei Röcke hat und Speise, die ihm selber reicht und seinem Fleisch und Blut. Wird auch dann der ‚Herr’ kommen und sagen wollen: ‚Sieh her, hier bin ich!’ Und wer ist dann eine Last und wer eine Hilfe?
Sie wissen nicht, daß er von einem spricht, der schon auf dem Wege ist, ganz nahe ist und auch einer von ‚ihrem Fleisch und Blut’ ist. Er selber ist gerade gut genug, daß er ihm die Schuhriemen löse. Er ist nur Werkzeug. Er ist nur ein Spurensucher und ein Wegbereiter. Er ist einer von denen, die andre tragen, auf den Armen, auf den Schultern oder auch nur im Herzen.
Wenn er so redet, wer hat dann ihm gegeben, Nahrung, Kleidung, als er bloß war, draußen, in der fremden Welt, und ihn gebeten, ans Feuer zu kommen? Hatte es für ihn ausgereicht, zu sagen: ‚Hier bin ich - sieh mich an!’?
Vielleicht hat ja jemand hinter ihm den leuchtenden Schein gewahrt, der mit ihm ging, da er doch dem Gott gehörte, der gesagt hatte: ‚Du bist mein!’ Die Fremden, bei denen er ein Gast war, haben ihn vor dem Tod in dem verlassenen Land bewahrt gehabt.
Die Worte berühren sie, das Wasser der Taufe läßt die Schmerzen aufwachen und lindert den Schmerz, wenn sie sich ihm hingeben. Für einen Augenblick trägt der Strom des Lebens ihre Schmerzen mit sich fort.
Die Stille tritt ein, in der sichtbar wird, was Kain in einem ist und in dem Erleidenden der Daseinswirklichkeit Abel sich erkennt und der Gestalt, die die Welt einem gegeben hat und in der das Ich der Welt zu begegnen versucht, so fließt auch der innere Strom und löst die Qual, den Zorn, die Verlassenheit auf in die Zuneigung, welche allen Menschen gilt und auch dem Kain, der einem der Brudermensch ist. ‚Aber was sollen wir denn tun? Wir, welche nichts ändern werden, was sollen wir nur t u n ?’
Keine Belehrungen, keine Anweisungen, keine Gebote legt er ihnen auf. Sie glauben Abraham als ihren Vater, der sie schützen kann. Sie wären die Kinder des Abraham, wenn sie den Biss der Axt spüren würden und sie würden singen oder schweigen, wo kein Reden mehr nützt. Ihre Stirn ist nicht gezeichnet vom Entsetzen und ihre Stimmen sind nicht voller Traurigkeit.
Auch wenn es Niemanden mehr geben wird von den Kindern Abrahams in ihren Erwartungen und ihrem Schmerz, wenn es die nicht mehr gibt, die aus dem Samen des Abraham kommen, wird Gott aus Steinen wieder Kinder machen. Wenn es keine Frucht mehr gibt und der Baum nicht mehr steht: ‚Aus Steinen, aus Steinen -!’
Danach gibt es keine Worte mehr . Aber er gibt Antwort auf ihr Fragen: ‚Fordert in dem, was euch verordnet ist, nicht mehr ein, als die Ordnung verlangt’: Alles an Erwarten, an Forderungen, auch an Begehren, das muss woanders hin getragen werden, wo es nicht dem Nächsten zur Last und zur Ausbeutung werden kann, womit der Lebenshunger befriedigt und die Lebenslügen aufrecht gehalten werden.
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